Montag, 26. Juni 2017

Humaldawei: Würzig nasser Wind vom Meer ...

Humaldawei: Würzig nasser Wind vom Meer ...: 2017-06-26 Fryslân, Humaldawei im Juni 1. Die Amseln haben viel zu erzählen. Klingt wie ein helles, flötendes Tek Tek. Die...

Würzig nasser Wind vom Meer ...




2017-06-26

Fryslân, Humaldawei im Juni

1.
Die Amseln haben viel zu erzählen. Klingt wie ein helles, flötendes Tek Tek. Die Nester, die Jungen. Menschen, die stören mit ihren Eingriffen. Da muss ein Ast weg, dort ist die Hecke zu hoch. Die Schafe stehen nackt in den hohen Wiesen. Meterhoher Wiesenschachtelhalm am Rand der Wassergräben. Würzig nasser Wind vom Meer. Die Fischkutter sind zu riechen. Die erste Mahd. Kräuterlikör in der Luft. Zeit vergeht langsam. Ein Traktor. Die Nachbarin mäht den Rasen, füttert ihre Singvögel, die morgens und abends Konzerte geben. Das Einuhrläuten. Dann wird das Dorf still. Kein Glockenklang, nur noch Lerchen mit ihrem Tirili. Ich sitze da und höre.
2.
Kaffee. Toast, Butter und Orangenmarmelade. Dann hinaus, der graue Himmel beginnt auf Höhe der Baumkronen. Nieselregen. Die Schafe schmiegen sich in die Bodenfurchen. Keine Vögel am Himmel, alle sind, wo sie sein wollen. Keine Prophezeiungen aus Vogelfluglinien. Ein Kranich steht ruhig auf der Deichkrone. Überblick bis hin zum Zoutkamper Hafen und über eine große Herde Galloway Rinder.
Ein streunender Hund steht mitten auf der schmalen Straße. Die schwarze Katze sitzt auf einem Gatterpfosten. Zwei Jungs schlagen mit Stöcken um sich und richten ein Blutbad unter den Wildblumen an. Eine Frau mit Lockenwicklern im Haar hängt Wäsche auf. Zigarette im linken Mundwinkel. Eine bauchige Kittelschürze. Der Mann hackt Holz. Wie ein Bild aus vergangenen Zeiten. Jetzt. Hier.
3.
Am Wasser Möwen, Brachvögel und Austernfischer. Silbermöwen und die Seemöwen mit ihren langen gebogenen Schnäbeln, grimmig blickend. Die Nordsee getaucht in ein kaltes Indigo, Schaumkronen tanzen über das Wasser. Auf der Lauwerszee kreuzen kleine Segler und Motorjachten. An den Anlegern wird geräumt, gepackt. Zu Abend gegessen. Der Wind bläst Wolken weg. Die See ruhig. Die Ebbe beginnt. Die Sonne geht langsam unter. Das Licht schimmerte über den ganzen Himmel, wie in einem Märchen. Wattvögel machen sich für die Nacht bereit, der Wind streicht sanft durch das Uferschilf. Auf dem großen Campingplatz wird es langsam leise. Lachen, Geschirrklappern, Rufe. In den Restaurants rund um den See werden Schollen aufgetischt, Kartoffeln und Gemüse. Oder Moules mit Fritten. Bitterballjes. Im Hafen liegen die Fischkutter, schaukeln leise. Als wäre die Welt heil und gut.
4.
Spülwasserfarbener Himmel. Der Regen fällt langsam. Zum Mitzählen. Rechts von der Straße Felder voller Schafe, links ein Kanal mit kleinen Booten. Ein Blick bis zur bleigrauen Himmelslinie, unterbrochen von einer Windmühle. Ein Radler fährt von Hof zu Hof und verteilt Prospekte.
Innerhalb einer einzigen Generation war nach dem Krieg der große Wandel vor sich gegangen. Ein Umbruch, langwierig, still und doch einschneidend. Solange es das Dorf gab, war die Landwirtschaft die Grundlage des Lebens, des Geldverdienens, auch des Zusammenhaltes. Seit den siebziger Jahren verschwanden endgültig die bis dahin gültigen Lebensformen, Berufe und Traditionen. Die Welt der Bauern und Landarbeiter wurde auf den Kopf gestellt. Die Geschäfte verschwanden aus den Dörfern. Der ökonomische Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft zerfiel. Arbeitsplätze gab es kaum noch. Arbeitsplätze gibt es immer noch kaum. Prospekte zu verteilen, in denen geschälte Kartoffeln angeboten werden und geputztes Gemüse, ist ein Aushilfsjob, keine Arbeit. Die Stimmen in den Dörfern werden leiser, aber die Dörfer haben ihre Geschichten und ihre Gesichter. Das Leben in Dörfern bleibt immer ein anderes als das in der Stadt. Die friesische Lehmlandschaft mit ihren struppigen Ebenen und den hohen Himmeln bleibt eine Dorflandschaft, ist Heimat. Die Regentropfen kann ich zählen. Und die Zukunft liegt nicht da, wo der meiste Krach ist, die grellsten Farben und der angesagteste Lifestyle.
            Paulus’ Erster Brief an die Korinther, Kapitel 13, Vers 12: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“
            Die Amseln haben viel zu erzählen. Die Menschen stören manchmal mit ihren schweren Gedanken und den Selbsterkenntnissen, die davor schützen sollen, erkannt zu werden.

© J. Monika Walther





Donnerstag, 2. März 2017

Molukken, die Niederlande, und das eigene Gesicht zeigen und aushalten.




2017-03-02


           

 Reif liegt über den Feldern. Eine feine durchsichtige Schicht. Weißer Nebel bedeckt Grachten, Schafe und Rinder. Darüber sind die Baumspitzen zu sehen. Und dann der weite Himmel. In allen Schiefertönen. Mit Querstrichen. Und hellblauen Farbklecksen. Und Wolkenbildern. Kino. Erdschafe unten, Himmelsschafe oben.
Auf den Feldern haben sich Tausende von Gänsen niedergelassen. Ringel- und Kanadagänse, Brandgänse, Blessgänse, Rotgänse, Nonnengänse, die Weißwangengänse. Kurze Schnäbel, lange Schnäbel. Grau, schwarz. Weiße Kringel. Gestreift. Beige Flügel. Klein und groß. Plump und elegant. Tausende. Und Enten. Pfeifenten. Lalala. Ihr fresst, wir pfeifen uns durch den Winter. Alles gut, so lange die Grachten und Kanäle nicht zufrieren.
 

Ab November werden die Wiesen mit einem Grastand in fünfzehn Zentimeter Höhe den Gänsen überlassen. Die Bauern finden sich als bezahlte Naturschützer ab. Verjagen hat keinen Sinn. Tausend Gänse fliegen hoch und lassen sich ein Feld weiter wieder nieder in den Grasfurchen. In manchen Gegenden werden Gänse getötet, vergast, weil sie immer mehr werden, weil die Schäden zu hoch, weil die Bauern wütend sind. Am Lauwersmeer werden sie als Gäste und Touristenattraktion behandelt.
Einen Tag später scheint die Sonne. Nein, sie leuchtet durch die hellgrauen Himmelsschleier durch. Der lehmige Ackerboden strahlt gelb, die Wiesen schimmern grüngelb. Wie gemalt liegt das flache Land. Dazu wiegt sich das Schilf an den Wasserrändern. Die Schafe und Rinderherden stehen zum Anschauen da, Schwäne singen. Ein Standbild. Am Nachmittag kommen Nässe und Nebel. Grau in grau. Fast farblos der Himmel. Am dritten Tag hüllen Nebelwolken die Schafe, die Felder ein. Nichts ist mehr zu sehen. Auch nicht die Wipfel der Ulmen. Der Himmel ist verschwunden. Bis der Wind vom Meer her weht, sich zum Sturm aufbläst und schütteimerweise Regen gegen die Fenster klatscht. Ein rosa Streifen quer durch das Himmelsgrau, dann die Nacht.
Geert Wilders wurde 1963 als Sohn eines niederländischen Vaters aus Maasbree und einer indonesisch-niederländischen Mutter aus Sukabumi (also aus Niederländisch-Indien) geboren. Ja, die Niederlande hatten Kolonien und viele Indonesier, Molukker kamen in die Niederlande. Sie wurden und werden teilweise gehasst, assimiliert, aufgenommen, fanden ihr Einkommen, fanden keine Arbeit, wurden nicht integriert, fanden eine neue Heimat. Geert Wilders Vorfahren mütterlicherseits sind keine niederländischen Niederländer. Geert Wilders scheint diesen Teil seiner Herkunft auszublenden. Make the Netherlands great again, schreit er. Was immer das bedeuten kann. Die Zeit der Kolonien ist vorbei, Indonesien unabhängig. Viel mehr Land lässt sich nicht mehr einpoldern. Mehr Wassertomaten sich auch nicht in andere Länder verkaufen.
In den Niederlanden leben knapp eine Million Muslime. Nicht zu verwechseln mit Islamisten. Sechs Prozent der Bevölkerung. Die Geschichte des Islam in den Niederlanden beginnt aber bereits im frühen 17. Jahrhundert, als die Vereinigten Niederlande einen Freihandelsvertrag mit Marokko unterschrieben – das war der erste offizielle Vertrag zwischen einem europäischen Land und einer Nation, die nicht christlich war. Im 19. Jahrhundert erlebten die Niederlande eine geringe muslimische Einwanderung aus Niederländisch-Indien. Das Wirtschaftswachstum zwischen 1960 und 1973 veranlasste die niederländische Regierung dazu, eine große Zahl von Arbeitsemigranten anzuwerben, hauptsächlich aus der Türkei und Marokko. Die Migration setzte sich danach in Form von Familienzusammenführungen und Asylanträgen von Menschen muslimischen Ländern fort. Eine Einwanderung, die also fast immer ausschließlich von niederländischen Interessen geprägt war.
Die ehemaligen Bewohner der Molukken, einer Pazifikinselgruppe zwischen den Philippinen und Australien, kämpfen seit über fünfzig Jahren um die Unabhängigkeit dieses Gebietes, das sie 1951 auf Druck der niederländischen Regierung verlassen mussten. Tausende von Molukkern hatten auf niederländischer Seite gegen ein unabhängiges Indonesien gekämpft. Nachdem die Kolonialmacht Niederlande die Republik Indonesien 1949 in die Unabhängigkeit entlassen hatte und als immer mehr föderale Staaten mehr oder minder freiwillig ihren Beitritt erklärten, riefen die Führer der Molukken am 25. April 1950 in Ambon die Unabhängigkeit ihrer "Republik der Südmolukken" (RMS) aus. Statt sich der indonesischen Regierung zu unterwerfen, verlangten die molukkischen Soldaten in der niederländischen Armee, die vor allem auf Java stationiert waren, nach Niederländisch- Neuguinea gebracht zu werden. Um die zerbrechlichen Beziehungen zu Indonesien nicht zu gefährden, zog die niederländische Regierung es vor, die molukkischen Soldaten samt ihren Familien nach Europa zu bringen - als vorübergehende Lösung, wie alle Beteiligten damals dachten. Kaum einer dieser Molukker hat seitdem die Niederlande wieder verlassen; ihre Zahl wird auf 40.000 geschätzt. Ihren Willen zur Unabhängigkeit demonstrieren Tausende Molukker jedes Jahr am Gründungstag der RMS in Den Haag. Bis heute gibt es eine Exilregierung, die von einem unabhängigen molukkischen Staat und einer Rückkehr auf ihre Inseln träumt.
Nie hätte sich die erste Generation träumen lassen, dass sie in den Niederlanden bleiben müssen. Bei ihrer Ankunft in den Fünfziger Jahren wurden sie in den Konzentrationslagern untergebracht, die die deutschen Nazis zurückgelassen hatten. Dort kleidete man sie notdürftig europäisch ein und verpflegte sie in Großküchen. Sämtliche Soldaten wurden bei ihrer Ankunft in Den Haag aus der Armee entlassen. Arbeiten sollten sie auch nicht; für ihre Integration wurde nichts getan. Erst Jahre später wurden die Lager aufgelöst, und die Molukker erhielten Wohnungen. Heute leben die meisten von ihnen in knapp siebzig Molukkergemeinden - mit eigenen Schulen, Kirchen, Infrastruktur.
Make the Netherlands great again. Ohne Muslime, ohne Indonesier. Geert Wilders müsste selber gehen, auch wenn er katholisch erzogen wurde. Nach der alten arischen Rechenmethode ist er kein Niederländer. Oder nur zu fünfzig Prozent. Oder zu siebzig? So geht es doch zu bei Faschisten.
In ihrer ganzen Geschichte waren die Niederländer immer Europäer, immer weltoffen, nicht weil sie die besseren Menschen und je wirklich liberal gewesen wären, sondern weil Handel, Verkauf, pragmatische Lösungen, die Weite der See ihr Tun und ihre Ideen bestimmt haben. Und ja, Niederländer wollen frei sein und über ihre Polder bestimmen. Die Niederländer sind so pragmatisch, dass sogar die Anhänger von Wilders wissen, dass ihre Stimme für die Partij voor de Vrijheid eine verlorene Stimme sein wird und deshalb ihre Stimme lieber den Rechtsliberalen geben. Handel und Wandel funktionieren nur, wenn man andere nicht als „Abschaum“ bezeichnet und die Grenzen offenbleiben, auch das hat der kleine Geert noch nicht begriffen. Den Spruch „Macht Deutschland wieder groß“ gibt es zum Glück nicht, denn dass der deutsche Staat so viel Land verloren hat, haben ja die Faschisten verursacht, aber stattdessen möchte ein kleiner Teil der Deutschen zurück in eine Vergangenheit, in der angeblich alles besser und sicherer war, also zurück zu den fettigen Bratwürsten um 1960, als die Frauen noch Vater oder Mann fragen mussten, ob sie bitte arbeiten gehen oder in B. sich ein Zimmer nehmen dürfen. Zurück zu einer Arbeitswelt und Zuständen, die auch mit einem faschistischen Überbau nicht mehr herzustellen sind. Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns selbst great zu machen und zu überlegen, wie wir jetzt und in der Zukunft leben wollen. Also nicht Flüchtlingsheime belagern, sondern ins Rathaus gehen und fordern, dass nicht ganze Landstriche wie eine abgewirtschaftete Firma abgeschaltet werden: kein Bus, keine Ärztin, kein Laden, kein Postkasten, kein Sammeltaxi, kein Interesse der Politik an Dörfern und armen Städten. Das eigene Gesicht zeigen und aushalten.

© J. Monika Walther


Freitag, 21. Oktober 2016

Vorbei an Schafen und direkt auf London zu - von Zuhause nach Zuhause reisen










21. Oktober 2016

            Die Haustüre abschließen. Mit fremdem Blick das Haus anschauen. Alles in Ordnung. Ein Licht angelassen. Närrischer Schutz vor Einbrechern. Ein Rabe stolziert auf dem Dach. Keine Chance für die Kolonie wieder in den beiden Kaminen zu nisten. Schutzgitter versperren den Zugang. Die Kolkraben wollen sich damit nicht abfinden. Sie sitzen auf dem Dachfirst und hacken an den Blechen. Die Hühner stehen am Maschendraht. Kikkeriki. Äpfel und Rucksack auf den Beifahrersitz. Das Ziel eingeben: Ee in Fryslân.
            Ich fahre weg. Vorbei am Dom, vorbei am Bäcker und der Tankstelle, vorbei am Klavierbauer und vielen Einfamilienhäusern. Nicht einfach sie auf dem neuesten Stand zu halten. Überall wird renoviert, ausgebessert, angebaut. Wenigsten der Vorgarten neu gemacht. Kies oder Platten statt Rasen. Bäume werden gefällt, damit nicht so viel Laub zu kehren ist.


Dorf light. Alle werden älter. Die alten Fotografien zeigen die Durchgangsstraße noch als Feldweg. Am Rand stehen Milchkannen. Früher.
            Ich fahre in den Nebel. Vorbei an Stoppelfeldern, umgepflügten Äckern. Ein Stück Land mit Sonnenblumen. Verdorrter Mais. Vorbei an kleinen Höfen, die nicht die geringste Chance hatten zu überleben, deren Immobilienwert ins Bodenlose gefallen ist. Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn's hochkommt, so sind's achtzig Jahre, und wenn's köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon. Psalm neunzig. Manchen Häusern ist die Mühe anzusehen, das ewige Nichtvorankommen. Immer zu wenig Geld für die Plackerei bekommen. Bei einer Landgaststätte wechseln die Besitzer jedes Jahr. So viele Hoffnungen: New America. In der Kurve. Truckerstopp. Mittagsbrunch 10 Euro 50. Vorbei vorbei.

            An Bauernhöfen, die längs der Straße Spargel, Erdbeeren und Weihnachtsbäume anbieten. An einer tristen Bar mit Prostutierten, gegenüber ein Bauernhof, der sich auf antike Lampen spezialisiert hat. Ein anderer bietet Kutschfahrten und Touren mit Planwagen an. Das Glockengießerdorf Gescher. Jeder Misthaufen und jeder Mensch benötigt im 21. Jahrhundert ein Alleinstellungsmerkmal. Es genügt nicht, dass Gescher ein schönes altes Dorf ist. War. Inzwischen ein Wohnort für Leute, denen Münster zu teuer und zu voll ist. 

            Dann die Autobahn. A 31. Richtung Emden. Entlang der braunen Schilder für Sehenswürdigkeiten. Die Vechte. Der Vechte-Ems-Kanal. Schloss Ahaus, Schloss Dankern. Die Grafschaft Bentheim. Festungswall Meppen. Festung Bourtange in der Provinz Groningen. Wichtig für den achtzigjährigen Krieg, in dem die Niederlande ihre Unabhängigkeit von Spanien erkämpfte. Achtzig Jahre. Drei Generationen zu damaligen Zeiten. Von 1568 bis 1648 kämpfte die Republik der Sieben Vereinigten Niederlande. Dann schieden die nördlichen Provinzen aus dem Verband des Heiligen Römischen Reichs aus. Der südliche Teil der Niederlande blieb bei Spanien. Im 19. Jahrhundert entstand dann das Königreich Belgien. Die Festung Bourtange wurde im Dreißigjährigen Krieg immer wieder technisch auf den neuesten Stand gebracht. Und auch Ersten Schlesischen Krieg 1740 bis 1742 wurde diese große Festungsstadt mitten in der Moorlandschaft ausgebessert, ausgebaut. Erst 1851 wurde Bourtange militärisch aufgegeben. Früher war also nicht alles besser, weil die Menschen immer Kriege führen. Den Niederlanden brachten die achtzig Jahre die Freiheit von der spanischen Besatzung und ein für immer geteiltes Land.

Vorbei an der Gedenkstätte Esterwegen. Fünfzehn Lager gab es im Emsland. 1933 entstand das Konzentrationslager Börgermoor. KZ Esterwegen, Neusustrum; und viele kleine und große Lager folgten. In der „Hölle am Waldesrand“ in Esterwegen wurde auch der Häftling 562, Carl von Ossietzky, gequält. Im Emsland, in der Moorlandschaft, erprobten die deutschen Faschisten ihr Lagersystem. Lange vor Auschwitz. Vernichtung durch Arbeit, Hunger, Kälte, Schläge. Aus dem Moor sollte Ackerland für zweitausendfünfhundert arische Siedler entstehen. 50 000 Hektar Land. Also mussten gefangen genommene Bürger unter unmenschlichen Bedingungen Gräben ziehen. In Diktaturen gibt es unzählige Gründe Menschen zu verhaften und aller Rechte zu berauben. Das nützt wie immer dem Kapital und denen, die sich zum Volk und Verkündern der einzigen noch geltenden Ideologie erhoben haben. Alle Arier sind dumme Blondies und haben Angst vor den Schwarzhaarigen. Sie wissen es nur nicht.

Die A 31. Schnurgerade führt sie ans Nordmeer. Entlang der Autobahn Mastanlagen. Händler für Autos, Traktoren und Wohnwagen. Firmen für Metallbauten, Verpackungen. Outletbunker. Kleine Bauernhöfe. Moore, Moorseen. Ein Moormuseum. Die Fahrt von Hiddingsel, einem Dorf im Münsterland, bis in den Humaldawei in Fryslân dauert drei Stunden. Früher fuhr ich mit einer Citröenente bei Gronau über die Grenze nach Enschede. Weiter nach Hengelo, Almelo, Richtung Nijverdaal. Dort war Pause. Ein Tostie, ein Bier, ein Genever. Dann weiter Richtung Ommen, Hoogeveen, Drachten. In Kollum einkaufen, dann über die Dokumer Nieuwe Zijlen. Durch Engwierum noch, dann angekommen. Fünf Stunden unterwegs. Im Winter erst einmal den Ofen angemacht. Da gab es noch keine Heizung, kein Internet, kein Fernsehen. Die Renovierung des kleinen Hauses von 1898 war mangels Geld stecken geblieben. 

Nach diesem Früher wurden noch viele Strecken ausprobiert, über Meppel und Heerenveen, Zwolle und Appelcha. Immer neue Autobahnen entstanden. Landstraßen wurden ausgebaut. In einem halben Jahrhundert verändert sich viel. Und der schnellste Weg war nicht immer die schönste Route. Schließlich die A 31. Schließlich ein schnelles Auto. Kein Tostie, Bier und Genever in Nijverdaal. Kein Herumbummeln. Früher schien mehr Zeit öfter stillzustehen. Früher. Ja, früher war alles besser, sagte meine Tante in Leipzig und meinte die Weimarer Zeit, die Zeit vor den Nazis und vor der Emigration. Zu dem Davor kam mit den Jahren immer mehr dazu: Vor der Rückkehr aus England, bevor die DDR entstand. Vor dem Mauerbau. Danach war dann alles zu spät. Die Familie wieder zweigeteilt.

Neben der Autobahn fließt die Ems. Von Hiddingsel nach Emden. Bis in die Nordsee. Bei Ditzum. Da war ich noch nie, weil ich ja schnell fahre und nicht mehr mit dem Auto herumbummle. Ich fahre los und komme an. Ich schaue rechts und links, auf die Kilometer und die Geschwindigkeit. Überlege, wohin ich fahren könnte, aber halte Spur. Nach Verlassen der A 31 wird die Versuchung immer größer, woanders hinzufahren. Und blühn einmal die Rosen, ist der Winter vorbei. Nur der Mensch, weil er fortgeht, nachher kommt er nicht mehr. Nach Pieterburen. Wehe dem Horn. Ich könnte nach Emshaven fahren oder nach Delfzijl. Ein Schiff besteigen. Nein, ich halte die Richtung.
Nach der Abfahrt Richtung Groningen wird das Land flacher. Die erste Möwe schwebt im Himmel. Enten und Schwäne fliegen in wechselnden Dreiecken. Von Ferne taucht der mächtige Turm der Martinikerk auf. Und ich sehe die Spitze der Aa-kirche am Fischmarkt. Ich fahre über den Eemskanaal, den Noord-Willemskanaal, staune über die architektonischen Kunststücke der Stadt. Die dicke Betonkette um den Sitz der Industriemanager. Im Zweiten Weltkrieg wurde viel zerstört. Drei Tage dauerten im April 1945 die Straßenkämpfe in der Innenstadt. Erst dann kapitulierten die deutschen Besatzungstruppen, der Landstorm Nederland der Waffen-SS und die belgischen SS-Einheiten. Kanadier mussten diesen heftigen Kampf bestehen. Von der großen jüdischen Gemeinde, die die Emigration nach Palästina und die Zusammenarbeit mit zionistischen Vereinen abgelehnt hatte, überlebten nur wenige Menschen, untergetaucht und in Verstecken. Im Schilf. Von Dreitausend eine Handvoll. Dreitausend, die als Niederländer gefühlt und gelebt hatten. National orientiert. Bürger jüdischen Glaubens. Ermordet. Zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt gehört inzwischen auch eine Battlefield Tour. Zu den Gräbern der toten Kanadier. Das Bevrijdingsfestival Groningen wird jedes Jahr am 5. Mai gefeiert. Ein zweites Freiheitsfest gibt es am 28. August. In jedem Jahr.

1672 wurde Groningen vom Münsteraner Bischof Bernhard von Galen belagert. Fünf Wochen lang. Der Bischof erhob Anspruch auf die halbe Provinz. Alles meins. Er hatte den Beinamen Bommen Berend (Bomben Bernhard), weil er die Stadt während der Belagerung mit fünftausend Bomben überzog. Am 28. August wurde die Stadt unter Leitung von Oberst Carl von Rabenhaupt befreit, und das wird als »Gronings Ontzet« heute gefeiert. Der Kampf gegen den Fürstbischhof von Galen ging noch zwei Jahre weiter. So ließ er unter ungeheurem Aufwand die Vechte aufstauen, um Coevorden unter Wasser zu setzen. Rabenhaupt war inzwischen Bürgermeister von Groningen und Droste von Drenthe, sowie Gouverneur von Coevorden und kämpfte bis 1674 gegen den Bischhof. Er befreite Nordhorn und Neuenhaus in der Grafschaft Bentheim, dann Schüttorf. Zuletzt plante er noch, eine französische Armee aus Grave zu vertreiben. Ein Ort, dessen Brücke über die Maas, am Ende des Zweiten Weltkrieges sehr umkämpft war. Bei genauem Hinschauen ist in jedem friesischen Landstrich, West- oder Ostfriesland, Nordfriesland, deutsch oder niederländisch, viel Krieg und Leid zu entdecken. Aber weiter. 

Vorbei an der Winschoterdiep. Und Abfahrt von der Autobahn. Vorbei an Schafen und direkt auf London zu. Dort an der Kreuzung links. In Sebaldeburen steht ein Haus, in dessen Giebel groß London geschrieben ist. Längs der Wolddiep und zahllosen kleinen Kanälen und Grachten, bei Gaarkeuken über den breiten Starkenborghkanaal. Dann schnell vorbei am Bahnhof Grijpskerk. Jedes Mal schlägt das Herz dort einen Takt schneller und jedes Mal bedauere ich, dass ich dort einmal einen Menschen abholte und in mein Haus ließ. Ein Opfer, das alle in seiner Umgebung instrumentalisierte. So durchlief auch ich die Phasen von der Helferin zur Täterin, um als Opfer zu enden. Bevor ich dann endlich zurückschlug. Schnell weiter Richtung Lauwerszee. 

Vorbei an den vielen Gasfeldern; überall wurde jahrelang gebohrt, neues Erdgas entdeckt. Die Gefahren verschwiegen, bis es die ersten Explosionen gab. Vorbei an ruinierten Bauernhöfen, an Häusern und Scheunen, die langsam zerfallen. Altes neben Neuem. Vor vielen der kleinen Ziegelbauten steht ein Schild mit Te koop, aber wer sollte kaufen. Das Neue entsteht direkt am Lauwersmeer, in Zoutkamp, am Hafen, am wachsenden Campinggelände. Immer anderswo. Viele Häuser stehen leer, niemand braucht sie. Die Dörfer schrumpfen. Das Sterben ist entsetzlich langsam und fast überall stemmen sich die Bewohner tapfer dagegen. Sie kämpfen, um ein neues Schild, eine neue Straßendecke, aber die Bankfiliale schließt. Die Läden, die Kneipe.

Der Himmel wird immer weiter, die Wolkenbilder ziehen in aller Pracht mit dem Wind. Die Erdlinien zeigen, dass ich auf einer Kugel fahre. Das Herz und die Sinne gehen auf. Fast bin ich da. Noch über die Dokkumer Nieuwe Zijlen, an der Schleuse und dem alten Hafen vorbei. Früher lagen hier die Schiffe der Garnelenfischer, heute gibt es ein kleines Café in der alten Hafenmeisterei: De Dream. Links abbiegen nach Engwierum, weiter nach Ee. Ein erster fremder Blick auf das kleine Haus. Ist die Nachbarin da? Aufschließen. Von Zuhause nach Zuhause gefahren. 

Früher, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, radelte die Droste auf einem Hollandrad vom Rüschhaus an den Ufern der Ems entlang. In Groningen ging Annette ins Grote Gasthuis am Fischmarkt, trank einige Gläser Oude Genever und aß große, gebutterte Rosinenbrötchen, dann radelte sie wieder entlang der Ems zurück ins Münsterland und fügte sich in die Konventionen ihres adeligen Standes. Ihr Spiegelbild zeigte immer eine andere, das Dasein blieb ihr fremd, aber manchmal riss sie aus, längs der Flüsse und Seen. So war das früher. Vielleicht.


           

Vorbei an Schafen und direkt auf London zu - von Zuhause nach Zuhause reisen










21. Oktober 2016

            Die Haustüre abschließen. Mit fremdem Blick das Haus anschauen. Alles in Ordnung. Ein Licht angelassen. Närrischer Schutz vor Einbrechern. Ein Rabe stolziert auf dem Dach. Keine Chance für die Kolonie wieder in den beiden Kaminen zu nisten. Schutzgitter versperren den Zugang. Die Kolkraben wollen sich damit nicht abfinden. Sie sitzen auf dem Dachfirst und hacken an den Blechen. Die Hühner stehen am Maschendraht. Kikkeriki. Äpfel und Rucksack auf den Beifahrersitz. Das Ziel eingeben: Ee in Fryslân.
            Ich fahre weg. Vorbei am Dom, vorbei am Bäcker und der Tankstelle, vorbei am Klavierbauer und vielen Einfamilienhäusern. Nicht einfach sie auf dem neuesten Stand zu halten. Überall wird renoviert, ausgebessert, angebaut. Wenigsten der Vorgarten neu gemacht. Kies oder Platten statt Rasen. Bäume werden gefällt, damit nicht so viel Laub fällt. Dorf light. Alle werden älter. Die alten Fotografien zeigen die Durchgangsstraße noch als Feldweg. Am Rand stehen Milchkannen. Früher.
            Ich fahre in den Nebel. Vorbei an Stoppelfeldern, umgepflügten Äckern. Ein Stück Land mit Sonnenblumen. Verdorrter Mais. Vorbei an kleinen Höfen, die nicht die geringste Chance hatten zu überleben, deren Immobilienwert ins Bodenlose gefallen ist. Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn's hochkommt, so sind's achtzig Jahre, und wenn's köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon. Psalm neunzig. Manchen Häusern ist die Mühe anzusehen, das ewige Nichtvorankommen. Immer zu wenig Geld für die Plackerei bekommen. Bei einer Landgaststätte wechseln die Besitzer jedes Jahr. So viele Hoffnungen: New America. In der Kurve. Truckerstopp. Mittagsbrunch 10 Euro 50. Vorbei vorbei.

            An Bauernhöfen, die längs der Straße Spargel, Erdbeeren und Weihnachtsbäume anbieten. An einer tristen Bar mit Prostutierten, gegenüber ein Bauernhof, der sich auf antike Lampen spezialisiert hat. Ein anderer bietet Kutschfahrten und Touren mit Planwagen an. Das Glockengießerdorf Gescher. Jeder Misthaufen und jeder Mensch benötigt im 21. Jahrhundert ein Alleinstellungsmerkmal. Es genügt nicht, dass Gescher ein schönes altes Dorf ist. War. Inzwischen ein Wohnort für Leute, denen Münster zu teuer und zu voll ist. 

            Dann die Autobahn. A 31. Richtung Emden. Entlang der braunen Schilder für Sehenswürdigkeiten. Die Vechte. Der Vechte-Ems-Kanal. Schloss Ahaus, Schloss Dankern. Die Grafschaft Bentheim. Festungswall Meppen. Festung Bourtange in der Provinz Groningen. Wichtig für den achtzigjährigen Krieg, in dem die Niederlande ihre Unabhängigkeit von Spanien erkämpfte. Achtzig Jahre. Drei Generationen zu damaligen Zeiten. Von 1568 bis 1648 kämpfte die Republik der Sieben Vereinigten Niederlande. Dann schieden die nördlichen Provinzen aus dem Verband des Heiligen Römischen Reichs aus. Der südliche Teil der Niederlande blieb bei Spanien. Im 19. Jahrhundert entstand dann das Königreich Belgien. Die Festung Bourtange wurde im Dreißigjährigen Krieg immer wieder technisch auf den neuesten Stand gebracht. Und auch Ersten Schlesischen Krieg 1740 bis 1742 wurde diese große Festungsstadt mitten in der Moorlandschaft ausgebessert, ausgebaut. Erst 1851 wurde Bourtange militärisch aufgegeben. Früher war also nicht alles besser, weil die Menschen immer Kriege führen. Den Niederlanden brachten die achtzig Jahre die Freiheit von der spanischen Besatzung und ein für immer geteiltes Land.

Vorbei an der Gedenkstätte Esterwegen. Fünfzehn Lager gab es im Emsland. 1933 entstand das Konzentrationslager Börgermoor. KZ Esterwegen, Neusustrum; und viele kleine und große Lager folgten. In der „Hölle am Waldesrand“ in Esterwegen wurde auch der Häftling 562, Carl von Ossietzky, gequält. Im Emsland, in der Moorlandschaft, erprobten die deutschen Faschisten ihr Lagersystem. Lange vor Auschwitz. Vernichtung durch Arbeit, Hunger, Kälte, Schläge. Aus dem Moor sollte Ackerland für zweitausendfünfhundert arische Siedler entstehen. 50 000 Hektar Land. Also mussten gefangen genommene Bürger unter unmenschlichen Bedingungen Gräben ziehen. In Diktaturen gibt es unzählige Gründe Menschen zu verhaften und aller Rechte zu berauben. Das nützt wie immer dem Kapital und denen, die sich zum Volk und Verkündern der einzigen noch geltenden Ideologie erhoben haben. Alle Arier sind dumme Blondies und haben Angst vor den Schwarzhaarigen. Sie wissen es nur nicht.

Die A 31. Schnurgerade führt sie ans Nordmeer. Entlang der Autobahn Mastanlagen. Händler für Autos, Traktoren und Wohnwagen. Firmen für Metallbauten, Verpackungen. Outletbunker. Kleine Bauernhöfe. Moore, Moorseen. Ein Moormuseum. Die Fahrt von Hiddingsel, einem Dorf im Münsterland, bis in den Humaldawei in Fryslân dauert drei Stunden. Früher fuhr ich mit einer Citröenente bei Gronau über die Grenze nach Enschede. Weiter nach Hengelo, Almelo, Richtung Nijverdaal. Dort war Pause. Ein Tostie, ein Bier, ein Genever. Dann weiter Richtung Ommen, Hoogeveen, Drachten. In Kollum einkaufen, dann über die Dokumer Nieuwe Zijlen. Durch Engwierum noch, dann angekommen. Fünf Stunden unterwegs. Im Winter erst einmal den Ofen angemacht. Da gab es noch keine Heizung, kein Internet, kein Fernsehen. Die Renovierung des kleinen Hauses von 1898 war mangels Geld stecken geblieben. 

Nach diesem Früher wurden noch viele Strecken ausprobiert, über Meppel und Heerenveen, Zwolle und Appelcha. Immer neue Autobahnen entstanden. Landstraßen wurden ausgebaut. In einem halben Jahrhundert verändert sich viel. Und der schnellste Weg war nicht immer die schönste Route. Schließlich die A 31. Schließlich ein schnelles Auto. Kein Tostie, Bier und Genever in Nijverdaal. Kein Herumbummeln. Früher schien mehr Zeit öfter stillzustehen. Früher. Ja, früher war alles besser, sagte meine Tante in Leipzig und meinte die Weimarer Zeit, die Zeit vor den Nazis und vor der Emigration. Zu dem Davor kam mit den Jahren immer mehr dazu: Vor der Rückkehr aus England, bevor die DDR entstand. Vor dem Mauerbau. Danach war dann alles zu spät. Die Familie wieder zweigeteilt.

Neben der Autobahn fließt die Ems. Von Hiddingsel nach Emden. Bis in die Nordsee. Bei Ditzum. Da war ich noch nie, weil ich ja schnell fahre und nicht mehr mit dem Auto herumbummle. Ich fahre los und komme an. Ich schaue rechts und links, auf die Kilometer und die Geschwindigkeit. Überlege, wohin ich fahren könnte, aber halte Spur. Nach Verlassen der A 31 wird die Versuchung immer größer, woanders hinzufahren. Und blühn einmal die Rosen, ist der Winter vorbei. Nur der Mensch, weil er fortgeht, nachher kommt er nicht mehr. Nach Pieterburen. Wehe dem Horn. Ich könnte nach Emshaven fahren oder nach Delfzijl. Ein Schiff besteigen. Nein, ich halte die Richtung.
Nach der Abfahrt Richtung Groningen wird das Land flacher. Die erste Möwe schwebt im Himmel. Enten und Schwäne fliegen in wechselnden Dreiecken. Von Ferne taucht der mächtige Turm der Martinikerk auf. Und ich sehe die Spitze der Aa-kirche am Fischmarkt. Ich fahre über den Eemskanaal, den Noord-Willemskanaal, staune über die architektonischen Kunststücke der Stadt. Die dicke Betonkette um den Sitz der Industriemanager. Im Zweiten Weltkrieg wurde viel zerstört. Drei Tage dauerten im April 1945 die Straßenkämpfe in der Innenstadt. Erst dann kapitulierten die deutschen Besatzungstruppen, der Landstorm Nederland der Waffen-SS und die belgischen SS-Einheiten. Kanadier mussten diesen heftigen Kampf bestehen. Von der großen jüdischen Gemeinde, die die Emigration nach Palästina und die Zusammenarbeit mit zionistischen Vereinen abgelehnt hatte, überlebten nur wenige Menschen, untergetaucht und in Verstecken. Im Schilf. Von Dreitausend eine Handvoll. Dreitausend, die als Niederländer gefühlt und gelebt hatten. National orientiert. Bürger jüdischen Glaubens. Ermordet. Zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt gehört inzwischen auch eine Battlefield Tour. Zu den Gräbern der toten Kanadier. Das Bevrijdingsfestival Groningen wird jedes Jahr am 5. Mai gefeiert. Ein zweites Freiheitsfest gibt es am 28. August. In jedem Jahr.

1672 wurde Groningen vom Münsteraner Bischof Bernhard von Galen belagert. Fünf Wochen lang. Der Bischof erhob Anspruch auf die halbe Provinz. Alles meins. Er hatte den Beinamen Bommen Berend (Bomben Bernhard), weil er die Stadt während der Belagerung mit fünftausend Bomben überzog. Am 28. August wurde die Stadt unter Leitung von Oberst Carl von Rabenhaupt befreit, und das wird als »Gronings Ontzet« heute gefeiert. Der Kampf gegen den Fürstbischhof von Galen ging noch zwei Jahre weiter. So ließ er unter ungeheurem Aufwand die Vechte aufstauen, um Coevorden unter Wasser zu setzen. Rabenhaupt war inzwischen Bürgermeister von Groningen und Droste von Drenthe, sowie Gouverneur von Coevorden und kämpfte bis 1674 gegen den Bischhof. Er befreite Nordhorn und Neuenhaus in der Grafschaft Bentheim, dann Schüttorf. Zuletzt plante er noch, eine französische Armee aus Grave zu vertreiben. Ein Ort, dessen Brücke über die Maas, am Ende des Zweiten Weltkrieges sehr umkämpft war. Bei genauem Hinschauen ist in jedem friesischen Landstrich, West- oder Ostfriesland, Nordfriesland, deutsch oder niederländisch, viel Krieg und Leid zu entdecken. Aber weiter. 

Vorbei an der Winschoterdiep. Und Abfahrt von der Autobahn. Vorbei an Schafen und direkt auf London zu. Dort an der Kreuzung links. In Sebaldeburen steht ein Haus, in dessen Giebel groß London geschrieben ist. Längs der Wolddiep und zahllosen kleinen Kanälen und Grachten, bei Gaarkeuken über den breiten Starkenborghkanaal. Dann schnell vorbei am Bahnhof Grijpskerk. Jedes Mal schlägt das Herz dort einen Takt schneller und jedes Mal bedauere ich, dass ich dort einmal einen Menschen abholte und in mein Haus ließ. Ein Opfer, das alle in seiner Umgebung instrumentalisierte. So durchlief auch ich die Phasen von der Helferin zur Täterin, um als Opfer zu enden. Bevor ich dann endlich zurückschlug. Schnell weiter Richtung Lauwerszee. 

Vorbei an den vielen Gasfeldern; überall wurde jahrelang gebohrt, neues Erdgas entdeckt. Die Gefahren verschwiegen, bis es die ersten Explosionen gab. Vorbei an ruinierten Bauernhöfen, an Häusern und Scheunen, die langsam zerfallen. Altes neben Neuem. Vor vielen der kleinen Ziegelbauten steht ein Schild mit Te koop, aber wer sollte kaufen. Das Neue entsteht direkt am Lauwersmeer, in Zoutkamp, am Hafen, am wachsenden Campinggelände. Immer anderswo. Viele Häuser stehen leer, niemand braucht sie. Die Dörfer schrumpfen. Das Sterben ist entsetzlich langsam und fast überall stemmen sich die Bewohner tapfer dagegen. Sie kämpfen, um ein neues Schild, eine neue Straßendecke, aber die Bankfiliale schließt. Die Läden, die Kneipe.

Der Himmel wird immer weiter, die Wolkenbilder ziehen in aller Pracht mit dem Wind. Die Erdlinien zeigen, dass ich auf einer Kugel fahre. Das Herz und die Sinne gehen auf. Fast bin ich da. Noch über die Dokkumer Nieuwe Zijlen, an der Schleuse und dem alten Hafen vorbei. Früher lagen hier die Schiffe der Garnelenfischer, heute gibt es ein kleines Café in der alten Hafenmeisterei: De Dream. Links abbiegen nach Engwierum, weiter nach Ee. Ein erster fremder Blick auf das kleine Haus. Ist die Nachbarin da? Aufschließen. Von Zuhause nach Zuhause gefahren. 

Früher, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, radelte die Droste auf einem Hollandrad vom Rüschhaus an den Ufern der Ems entlang. In Groningen ging Annette ins Grote Gasthuis am Fischmarkt, trank einige Gläser Oude Genever und aß große, gebutterte Rosinenbrötchen, dann radelte sie wieder entlang der Ems zurück ins Münsterland und fügte sich in die Konventionen ihres adeligen Standes. Ihr Spiegelbild zeigte immer eine andere, das Dasein blieb ihr fremd, aber manchmal riss sie aus, längs der Flüsse und Seen. So war das früher. Vielleicht.